Farbkunst

Wolfram Jaensch: Malerei als Postkonkrete Konstruktion

Doppelkegel Ostwald
Farbdoppelkegel nach Wilhelm Ostwald. 680 genormte Farbtöne. Bildrechte: Wikipedia User Kolossos (Lizenz GDFL)

Gestaltung von großformatigen Polychromien (»Farbsymphonien«) mit einem Farbenklavier nach Wilhelm Ostwald: Die Eichung eines solchen Instruments erfolgt auf der Basis der Farbenvalenzsynthese, also der Mischung von Farben auf hochgeschwind rotierenden Drehscheiben. Dieses Prinzip der anteilig-additiven Mischung (»Lichtmischung«) unterscheidet sich grundsätzlich von der subtraktiven Pigmentmischung.
Die großformatigen polychromen Gemälde verkörpern somit Kompositionen in simulierten Lichtfarben, deren wesentlichen Gesetzen auch die Kompositionsprinzipien entnommen sind.

In seinem Katalogbeitrag »Konzeptionelle Wege – Generalbass und Instrumentar für eine neue Farbkunst« charakterisiert Eckhard Bendin die Kunst von Wolfram Jaensch folgendermaßen:

Jaensch beschreibt sein über Weder hinaus führendes Anliegen als Prozess und Fügung: “Im Gegensatz zur Ostwald-Wederschen klassisch-harmonischen Statik formierte sich Schritt für Schritt ein dynamisches Kompositionsprinzip. An die Stelle der absoluten Idealisierung tritt der offene Prozess, der auch dem Fragmentarischen seinen Raum belässt. … Aus all dem soll sich die Geschichte der ‘Synchromie’ ergeben, die sie selbst uns einmal als ihr Schicksal erzählen soll, die einmalige, hoffentlich schlüssige Fügung von Farbbewegung und Farbbegegnung.” (Jaensch 2009)

Seine zehn Polychromien begegnen uns demgemäß vielgestaltig. Farbstufen und -reihen schließen sich zu Monaden und molekularen Clustern zusammen und werden in variierter Wiederholung von Lage-, Proportions-, und Farb-Verschiebungen sowie deren Staffelungen oder Vertauschungen moduliert und fragmentiert. Von Polychromie zu Polychromie erreicht das Spiel von Bewegung und Begegnung der Monaden, Cluster und Synkopen, der Stufungen und Einsprengsel zunehmend ein abgeklärtes Verhältnis von Konsonanz und Dissonanz, Kristallisation und bewegender Vibration. Die Titel von vier Polychromien lassen an eine Hommage an Philipp Otto Runge denken: »Der Morgen, Der Tag, Der Abend und Die Nacht«.

Farbenkugel Phillip Otto Runge
Farbenkugel von Philipp Otto Runge

Runge schwebte für das Kolorit seines Zeitenzyklus einst “das geisterhaft erhöhende Spiel” der durchsichtigen über den undurchsichtigen Farben vor, um atmosphärische Charaktere zu erreichen. Jaensch erzeugt ähnliche Spannungen mit gänzlich anderen Mitteln, durch Ausprägung seines “farbgenerierenden Prinzips”, das nicht wie bei Runge aus Lasuren erwächst, sondern aus einer meisterhaften Beherrschung von Stufungen und deren “geisterhaft erhöhender” Überspielung infolge simultaner Kontrastwirkungen. Jaensch kleidet dies bezeichnenderweise auch in die Metapher einer “Verbindung zwischen Himmel und Erde.” (Jaensch 2009)
Die Kunst Wolfram Jaenschs hat ästhetisches Neuland betreten und deutet den vorläufigen Höhepunkt eines Bogens an, der von Runge über Fechner, Bezold und Mach, Ostwald, Albers und Weder sicher noch weiter gespannt werden kann. Dadurch gewinnt auch das instrumentale “System Ostwald-Weder-Jaensch” an aktueller Ausstrahlung und Bedeutung.
Lit.: Konrad Scheurmann (Hrsg.), Color Continuo 1810…2010…, System und Kunst der Farbe, Dresden 2009, S.86/97.